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Aufmerksamkeit - Kardinaltugend des digitalen Zeitalters

18.01.2017

Wir haben die Bedeutung von Aufmerksamkeit für unsere Arbeits- und Lebensqualität bereits in unserem Buch Denkarbeit beschrieben. In den vergangenen Tagen konnten wir auch in Internet-Blogs vermehrt darüber lesen.

Aufmerksamkeit, die Fähigkeit, unsere Umwelt, das eigene Verhalten sowie Gedanken und Gefühle bewusst wahrzunehmen, ist nicht nur essentielle Voraussetzung für sorgfältiges Arbeiten und gute Arbeitsergebnisse, sondern trägt auch zu unserem Wohlbefinden bei und ist sehr wichtig für jede gelungene Kommunikation. Damit hat sie eine zentrale Bedeutung für die Qualität des Miteinanders mit unseren Mitmenschen, unsere Zusammenarbeit und am Ende unseren persönlichen Erfolg.

Die heutige Vielzahl von Impulsen und Möglichkeiten hat dazu geführt, dass alles immer knapper gefasst werden muss, damit wir sie in ihrer Anzahl überhaupt noch verarbeiten können. Gunter Dueck stellt fest, dass heute niemand mehr als ein paar Zeilen lesen will und Business-Mails nicht länger als acht Zeilen sein sollen. Insgesamt sei die Aufmerksamkeitsschwelle von 12 auf 8 Sekunden gesunken. Und wo die Denkzeit pro Thema mathematisch nicht mehr reicht, schrumpft Kommunikation schnell zum verbalen Schlagabtausch mit 140 Zeichen. Das ist insbesondere bedenklich, wenn wir wie Vince Ebert erkennen, dass Denken unsere evolutionäre Nische ist, das, wodurch sich unsere Entwicklung im Verlauf der Erdgeschichte von der anderer Arten unterschieden hat.

Doch wie wollen wir unsere Aufmerksamkeit zurückgewinnen und der Impulsflut unserer digitalen und ständigen Welt Herr werden? Ratschläge wie "leg das Gerät doch einfach mal weg" sind wenig praktikabel, wenn wir auf dem Smartphone Kundenanrufe erhalten, kurzfristig Verabredungen treffen, diktieren oder Schnappschüsse machen. Viele im Rahmen unserer Aufgaben nützliche Anwendungen lassen es inzwischen durchaus sinnvoll erscheinen, das Smartphone ständig mitzuführen. Also kann es nur darum gehen, den Gebrauch wirkungsvoll zu steuern.

Mit Offtime gibt es eine Android-App, die mit Blockadeprofilen Abhilfe schaffen will. Leider sind totale Blockaden bei Suchtverhalten ein nur bedingt taugliches Mittel, das zu ähnlichen Entzugserscheinungen führt wie ein leerer Akku oder der Verlust des Gerätes. Und auch nicht mehr angemessen, wenn wir das Thema aus Sicht der möglichen Nutzungszusammenhänge betrachten:

Bei einem eingehenden Signal, einer Benachrichtigung, mail oder einem Anruf, verlassen wir ungewollt die Realität. Eingehende Signale können schaden, weil sie immer dann, wenn wir gerade mit einer Aufgabe beschäftigt sind, zu Multitasking führen. Da wir wissen, dass wir erst nach 23 Minuten wieder das ursprüngliche Aufmerksamkeitsniveau erreichen, ist das eine bedeutende Verschwendungsquelle mit hoher Relevanz für unsere Arbeitswelt.

Aber nicht alle eingehenden Signale sind böse. Es gilt zu unterscheiden zwischen zeitkritischen Eingangssignalen, die vernünftigerweise unserer sofortigen Reaktion bedürfen, und nicht zeitkritischen. Wenn beispielsweise unser Sohn in Kürze vom Bus abgeholt werden will, tun wir gut daran, seine Nachricht zu registrieren. Gleiches gilt möglicherweise für Kundenanrufe. E-mails hingegen sind per se ein Mittel der asynchronen Kommunikation. Für sie tolerieren wir normalerweise Antwortzeiten von bis zu 24 Stunden. Für ihre Bearbeitung ist es also völlig ausreichend, am Tag ein bis zwei Zeitfenster zur Bearbeitung zu reservieren. Insgesamt müssen wir festlegen, auf welchen Kanälen wir für dringliche Signale erreichbar sein wollen, unsere Umwelt entsprechend informieren und alle übrigen schließen. Oder ihre Benachrichtigungen deaktivieren und aktiv entscheiden, wann wir sie aufrufen.

Ausgehende Signale sind unsere eigenen gewollten Aktivitäten, mit denen wir die Realität verlassen. Teilweise als Bestandteil einer aktuellen Aufgabe, wenn wir jemanden anrufen, einen Schnappschuss machen, Verkehrsmeldungen oder Adressen, die wir ansteuern wollen, abrufen. Hierbei verwenden wir das Smartphone als Werkzeug und es macht für unser Gehirn keinen Unterschied, ob wir dieses aus dem Schrank oder aus der Tasche holen.

Und es gibt Dinge, die wir nur getrieben von der Angst, etwas zu verpassen, oder zum reinen Zeitvertreib unternehmen, wie Videos schauen, Nachrichten lesen oder tweets kommentieren. Immer, wenn wir in Stöbern geraten und denken "oh, das ist ja interessant", sollten wir aufmerken. Denn in diesem Moment versucht etwas, unsere Gedanken zu steuern und auf sich zu lenken. Warum verlagern wir das nicht in eine tägliche "social media-Stunde"? Als spontane Aktivitäten sind sie schädlich, weil sie uns Denkpausen rauben und weil wir sie überwiegend deshalb sofort unternehmen, weil sich unser Gehirn dermaßen gut an die ständigen Ablenkungen angepasst hat, dass wir sie selbst dann suchen, wenn wir gerade mal Ruhe hätten.

Auch bei ausgehenden Signalen liegt damit die Lösung in der Differenzierung und gezielten Tolerierung von Werkzeugen, den Rest müssen wir gut im Auge haben, enstprechende Apps löschen oder im Zweifel mit Offtime steuern.

Offtime ist insgesamt ein guter Beitrag, unsere persönliche Impulsflut zu analysieren und zu steuern. Zweifellos werden weitere Schritte zum versierten digitalen Assistenten folgen. Der uns im richtigen Moment liebevoll fürsorglich nur mit dem versorgt, was wir gerade brauchen, ohne unser inneres Gleichgewicht zu gefährden. Bis dahin können wir auch schlicht eine geringere Zahl signalträchtiger Anwendungen installieren oder unsere eigenen virtuellen Aktivitäten reduzieren, denn jede Aktivität provoziert ihre eigenen Reaktionen.

Hierfür müssen wir nur erstmal unsere inzwischen fragmentierte Aufmerksamkeit gezielt auf das Thema Aufmerksamkeit lenken und uns bewusst mit unserer Smartphone-Nutzung auseinandersetzen. Am Ende gewinnen wir Zeit für uns selbst, Zeit für Einsamkeit und Langeweile, Zeit, um über Dinge nachzudenken oder eine qualitativ gute Kommunikation mit jemandem zu führen. Und um gute Arbeitsergebnisse zu erzielen. Das alles wird indirekt zu unserer Zufriedenheit beitragen.

Aktuelle Internetbeiträge von Gunter Dueck, Sara Weber und Günther Wagner.


Logbuch des Autors zum Offtime-Selbstversuch:

Ich bin semi-aktiv in sozialen Netzwerken. Ich erhalte recht wenige mobile Anrufe. Allerdings greife ich etwa 100 Mal am Tag zum Smartphone, um Leerzeiten zu füllen und meine drei e-mail-Accounts zu checken.

Tag 1:

Heruntergeladen und wieder Deinstalliert. Neu heruntergeladen, Tracking und Übermittlung deaktiviert. Erstes Profil angelegt. Mehrfach modifiziert. Ich versuche, Offtime als Dauerfilter zu nutzen.

Vorläufiges Profil: Benachrichtigungen und Telefon durchlassen, aber Benachrichtigungen aller Programme außer Whatsapp im Handy deaktiviert. Apps geblockt, Ausnahme Werkzeug-App Kamera und Whatsapp. Deaktivieren mit 1 min Wartezeit möglich. Dreimal eineinhalb Stunden aktiviert und durchgehalten.

Tag 2:

Offtime-befreiter Vormittag. Smartphone dreimal in die Hand genommen und wegen Block-Bildschirm zurückgesteckt. Nachmittags Rückfall. Offtime nicht aktiviert. Mehrfach zum Smartphone gegriffen.

Tag 3:

Mit dem Aufstehen Offtime aktiviert. Insgesamt drei Stunden am Vormittag. Keine Störung außer ein Anruf und einmal Whatsapp. Mittags Vollversion erworben und Offtime bis 19:30 h aktiviert. Abends 30 min Social Media bedient. Insgesamt 6 Mal Offtime-Block, aber nicht deaktiviert. Abends Offtime für den Folgetag aktiviert, vom Aufstehen bis 19 Uhr.

Tag 4:

Der Tag beginnt gut, ich fühle mich fokussiert. Bis 19 Uhr durchgehalten. 8 Mal Offtime-Block, aber nicht deaktiviert. Alles auf Stand. Abends komplett offline.

Tag 5:

Durchwachsener Tag, aber glücklicherweise zum Teil kein Netz. Offtime Tracking aktiviert.

Tag 6:

Erster Offtime Score 37 (100 max. bei Verzicht auf Smartphone-Nutzung), Smartphone insgesamt 50 Mal entsperrt. Offtime nachmittags nicht wieder aktiviert.

Tag 7:

Score 59, Zugriffe 37.

Tag 8:

Offtime insgesamt 12 h aktiviert. Score 42, Zugriffe 61.

Tag 9:

Offtime insgesamt 13 h aktiviert. Score 50, Zugriffe 66. Trennung von e-mail und Smartphone funktioniert, insgesamt mehr Klarheit und Fokussierung.

Tag 10-16:

Die Installation von Droid Optimizer hat Offtime trotz whitelisting wirkungslos gemacht. Tracking läuft weiter: Durchschnittlich 60 Entsperrungen täglich und einen score von 50. Die klare Trennung von e-mail und Smartphone habe ich aufrecht erhalten. Auch ohne aktive Eingriffe von Offtime deutlich weniger Drang, bei jeder Gelegenheit zum Smartphone zu greifen.

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