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Land in Ruinen

14.07.2017

Italien ist ein schwer krankes Land. Vielleicht war das schon früher so und uns nur nicht bewusst. Zugegeben, in der Vergangenheit haben wir überwiegend klassische Tourismusziele angesteuert, Orte, wo es nach Pizza duftet, die Sonne scheint und das Wasser blau ist.

Dieses Jahr führte uns die geplante Erkundung der Region Piemont unter anderem nach Biella am Fuße der Alpen, ein (früheres) Zentrum der Textilindustrie. Bereist man die Gegend ausführlich, sieht man an den Verkaufsschildern, eingeschlagenen Fenstern und sonstigen Zeichen des Verfalls, dass gefühlt die Hälfte aller Industriegebäude, streckenweise sogar über 80 Prozent geschlossen oder verlassen sind. Die Region wirkt wie ein riesiges Industriemuseum.

Sobald wir uns tiefer mit der lokalen Situation auseinandersetzen, erfahren wir, dass die Industrieleistung nach zwei Rezessionen 2008 sowie 2011 bis 2013 insgesamt etwa 40 Prozent unter dem Wachstumspfad vor der Krise liegt. Rechnen wir heraus, dass es Automobil, Plastik und Pharmazie wieder bessergeht, haben traditionelle Branchen wie Möbel, Textilien, Lederprodukte und Kleidung deutlich über 50 Prozent (!) eingebüßt.

Wurden Probleme in Zeiten der Lira mit Abwertung und Inflation bekämpft, sind es heute überwiegend Staatsausgaben, die die strukturellen Schwächen (noch) überdecken. So hat der Staat seit Beginn der Krise etwa 600 Mrd. Euro an zusätzlichen Schulden aufgenommen, obwohl mit der Draghischen Geldpolitik jährlich um die 60 Mrd. geringere Zinsausgaben fällig wurden.

Insgesamt haben es die Italiener seit den 80er Jahren unterlassen, hinreichend in Technologien, den Strukturwandel und Produktivitätssteigerungen zu investieren und waren sich zu sicher, dass man asiatischen Wettbewerbern in Sachen Qualität schon voraus bleiben würde. Das war ein Trugschluss, insbesondere bei Medium-Tech Produkten. Verblieben sind oft nur wenige Großunternehmen (im Textilbereich beispielsweise Zegna und Cerutti), kleine Firmen ächzen derweil unter prohibitiven Steuersätzen von deutlich über 60 Prozent und Lohnnebenkosten von nicht selten 100%.

Sprechen wir mit Einheimischen über die Krise, zucken sie mit den Schultern und meinen, "dann müssen wir uns was anderes einfallen lassen." Was aber nichts Gutes erwarten lässt, wenn zugleich Staat und Bürokratie jede wirtschaftliche Aktivität strangulieren und selbst in den Großstädten kaum jemand (egal welcher Generation!) eine andere Sprache als Italienisch spricht. Das wirkt zwar liebenswert anachronistisch, sich gegenüber fremdsprachigen Kunden mit Händen und Füßen verständlich zu machen, wird aber die Chancen auf dem Weltmarkt kaum verbessern.

Was wir davon lernen können? Wenn wir uns in Zeiten der dynamischsten Veränderungen der Menschheitsgeschichte zu sicher sind und nur auf bewährte und bequeme Konzepte setzen, statt uns an die Spitze des Fortschritts zu setzen, werden wir scheitern. Sei es als Firma, als Region oder als Land. Und wenn wir kein Bild davon haben, was konkret unsere eigene Nische in der globalen Wertschöpfung ist und es vernachlässigen, uns bei der Bildung unserer Kinder und Mitarbeiter darauf einzustellen.

In diesem Sinne machen wir uns direkt nach der Urlaubszeit wieder mit Elan an die Veränderungsarbeit, um ein weiteres Stück zu Vorreitern unserer Zeit zu werden. Dabei wünschen wir uns allen viel Erfolg!

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