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Hoch lebe die Vielfalt! Ein Nachruf auf traditionelle ERP-Systeme.

21.11.2016

ERP-Systeme waren noch nie perfekt. Das beginnt damit, dass die im Gebrauch befindlichen Daten nicht unbedingt aktuell oder fehlerfrei sein müssen. Da es irgendwie doch läuft und eh keiner Zeit dafür hätte, stellen wir Aktualisierungs- oder Bereinigungsbemühungen zurück. Je bigger the data, desto richtiger werden sie schon werden, nehmen wir an. Manchmal hinterfragen wir im Jahresturnus einzelne Datensätze und korrigieren damit ein Pigment auf der Haut unseres Datenbankmonsters.

Wir wissen ebenfalls, dass jede Umweltveränderung mühsam durch unsere Prozess- und IT-Anpassungswelt geschoben werden muss. Kostenträchtige Vorgänge, die nicht selten einige Monate dauern, während sich die reale Welt schon anders herum dreht. In der Zwischenzeit sorgen wir mit pfiffigen Umgehungslösungen dafür, dass wir trotzdem lieferfähig bleiben.

Manche Dinge sollten oder konnten nie so abgebildet werden, wie sie gelebt wurden. Zum Beispiel 1-cent-Bestellungen, die es in jedem Unternehmen gibt. Da verlangt der Lieferant für die Lieferzusage und terminliche Reservierung eine formale Bestellung, obwohl das zu bestellende Objekt noch nicht von unserer Konstruktion freigegeben wurde. Da unsere Prozesse diesen Teil der Realität beharrlich ignorieren, bedienen sich alle Einkäufer dieser Welt desselben Kniffs mit den bekannten Folgen für Bestandsbewertung, Bestellobligos und Inventur.

Deterministische rechnergestützte Dispositionsprozesse erwiesen sich als dermaßen anfällig für Nachlässigkeiten, schlechte Datenqualität und Überraschungen, dass nicht wenige Firmen für einen Großteil ihrer Teile auf robustere analoge Verfahren wie Kanban auswichen, um die Versorgung zu sichern.

Und obwohl die ERP-Hersteller dieser Welt pflichtschuldigst versuchen, ihre Systeme mit immer neuen Datenbankfeldern, Funktionen, Customizing-Optionen und pfiffigen Prozessvarianten zu ertüchtigen, die wir gegen wiederkehrenden Einwurf kleiner "Wartungsscheine" erwerben dürfen, blieb uns der grundsätzliche Teil der Unvollkommenheit ihrer Systeme erhalten und wir lernten mit ihnen zu leben.

Von unserer Sehnsucht nach Stabilität und Standardisierung getrieben, begannen wir, auch Sonderaufgaben und damit immer größere Teile unseres Schicksals in ihre Hände zu legen. Wenn wir früher den jährlichen Weihnachtsbaum für den Eingangsbereich beschaffen wollten, fuhr unser Mädchen für alles zum örtlichen Weihnachtsbaumstand. Um die lebensferne aber Compliance-konforme Abschaffung von Bar-Kassen zu ermöglichen, kamen unsere Prozessfetischisten auf die Idee, alle Bestellungen über Artikel im ERP-System abzuwickeln. So entstanden in unserer Konstruktion Artikel mit der Bezeichnung "Tanne Nordmann" und wir bestellten sie wie alles andere beim Großhändler in der nahen Großstadt. Dass sich fortan mehrere Beteiligte (Konstruktion, Freigabe, Einkauf, Disposition, Großhändler, Spedition, Wareneingang, Hausmeister) mit dem armen Bäumchen plagen mussten und sich die Kosten vervielfachten, blendeten wir großzügig aus.

Inzwischen ist alles anders, und unsere heile Prozess- und ERP-Welt gerät regelrecht ins Wanken. Digitalisierung und Globalisierung erzeugen in einem Maß Veränderungsdruck auf unsere Geschäftsmodelle, Produkte und Lieferketten, dass wir ihnen - eingemauert in die Prozesse und Funktionen unserer ERP-Systeme - kaum noch folgen können. Überraschungen sind inzwischen die Regel und Parallelwelten wuchern.

Wird es uns zu bunt, rufen wir laut nach einem neuen ERP-System. Eines, das noch mehr Funktionen hat, Möglichkeiten bietet und endlich wieder für Ruhe sorgt. - Bereinigung der Datenbanken und Korrektur hunderttausender Stammdaten inbegriffen.

Das ist ein Irrweg, denn Computersysteme werden auch weiterhin keine Antworten auf Überraschungen haben. Das merken wir bereits dann, wenn wir uns mit unserem Auto entscheiden, eine andere Strecke zu fahren, als von unserem Navigationsgerät vorgeschlagen. Sofern wir nicht einen erkennbar kürzeren Weg wählen, bekommen wir bei jeder Einmündung hartnäckige Wendevorschläge, statt der Mindestnachfrage "haben Sie absichtlich die Strecke verlassen?" oder gar "soll ich eine neue Route berechnen?".

Bereits heute erkennen wir die mächtigen Umwälzungen daran, dass Dokumentenmanagement- und Collaborations-Software-Lösungen wie Pilze aus dem Boden sprießen, weil sie uns helfen, Zusammenarbeit in stets wechselnden Aufgabenstellungen und Team-Zusammensetzungen flexibel und zuverlässig zu organisieren.

In diesem Umfeld tun wir gut daran, unserem ERP-System nur den unvermeidlichen Teil unserer Aufgaben zu überlassen, der langfristig stabil und wiederkehrend ist und irgendwas mit der Auftragsabwicklung physischer Produkte zu tun hat. Idealerweise suchen wir uns dazu nicht das ERP-System mit dem umfassendsten Funktionsumfang aus, sondern das System, das in der Standardausprägung zu uns passt.

Für alles andere, auch das, was uns am Markt besonders macht und unser ERP-Hersteller nicht kann, suchen wir kleine, leichte, universelle und kostengünstige Sonderanwendungen. In den Zeiten universeller Datenstandards und Apps wirkt die stolze Behauptung, man habe ein einziges Programm, das von Taschenlampe über Kalender bis zur Navigation alles könne, ähnlich anachronistisch, als würde uns beim Einkaufsbummel auf der Königsallee ein Dinosaurier begegnen.

Unsere betriebliche Software-Welt der Zukunft wird notwendigerweise passend, vielfältig und kostengünstig sein. Und wir werden uns unsere betrieblichen Anwendungen nach Bedarf zusammenstellen können. Ganz so wie im Privatleben.

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