Achtsamkeit im beruflichen Alltag – Ein Interview mit Anke Hoffmann

Veröffentlicht von / 26. Februar 2019 / Kategorie: Blog / Keine Kommentare

Liebe Anke, was genau ist Achtsamkeit? Denn oft wird dies mit Aufmerksamkeit verwechselt, oder?

Bildausschnitt vom Cover des Buches „Das kleine Übungsheft – Achtsamkeit“ von Ilios Kotsou

Anke: Genau, es ist nicht einfach dies voneinander zu trennen. Achtsamkeit ist auch Aufmerksamkeit, es ist aber nicht das Gleiche. Bei Achtsamkeit geht es darum, mit allen Sinnen im gegenwärtigen Moment verankert zu sein. Man beschäftigt sich ganz bewusst vorurteilsfrei, wertfrei, neugierig und wach mit mit dem was jetzt ist. Der Geist befasst sich automatisch und ständig mit allem Möglichen, mit der Vergangenheit oder mit Planungen für die Zukunft. Genau darum geht es eben nicht. Wach und aufmerksam im gegenwärtigen Augenblick zu sein, ist zunächst eine große Herausforderung für jeden, der damit anfängt.

Kann jeder selbst zu mehr Achtsamkeit finden?

Anke: Ja, das ist ganz leicht möglich. Es erfordert eine gewisse Schulung die Aufmerksamkeit zu lenken. Es ist jedoch mit ein bisschen Training leicht zu erlernen und erfordert keine Erfahrungen oder Talente. Jeder von uns war mal mehr achtsam – wir haben es nur verlernt.

Wie meinst du das „Wir haben es verlernt“?

Anke: Wir können es an unseren Kindern sehen. Sie lassen sich nicht ablenken. Sie sind ganz bei dem, was sie gerade machen.

Woran, denkst du, liegt es, dass wir es verlernen?

Anke: (lacht) Weil uns Gehirn dazukommt. Unser Gehirn wird immer aktiver. Wir können denken und tun das dann auch. So soll es ja auch sein. Somit können wir Dinge überdenken oder Neues erfinden. Das gehört zu unserem Leben dazu. Aber genau dadurch können wir uns selbst immer wieder ablenken. Während wir das eine tun, denken wir schon an die nächsten Aufgaben: Während ich für die Familie koche, denke ich daran, dass ich noch einen Arzttermin benötige, dass die Katze noch nicht gefüttert ist, dass die Waschmaschine ausgeräumt werden sollte und die Steuerunterlagen unvollständig sind. Gleichzeitig plane ich den Kindergeburtstag, einen längst fälligen Anruf bei einer Freundin und denke an das nächste Projekt im Job. Dadurch kann sich Stress im Alltag entwickeln.

War „früher“ das Thema Achtsamkeit auch schon so ein Thema wie heute?

Anke: Nein, das ist in den letzten Jahren sehr präsent geworden. Mein Programm gibt es seit Mitte / Ende der 70er Jahren. Seit ca. 15 Jahren wird dies so in Deutschland unterrichtet und ist in den letzten drei Jahren an die Oberfläche geschwappt. Es ist fast populär geworden. Unsere Welt und wir werden immer schneller. Da muss irgendwo mal die „Pausetaste“ gedrückt werden.

Liegt es in unserer Kultur, dass wir die Achtsamkeit aus den Augen verloren haben?

Anke: Vielleicht. Andere Kulturen haben u.U. einen ganz anderen Umgang mit sich und der Welt. Wir in Deutschland haben eine sehr schnelllebige Welt doch unser Gehirn ist seit jeher immer das gleich geblieben. Damit müssen wir lernen umzugehen.
Schaut man sich Reporte der Krankenkassen an, stehen seelische und psychische Erkrankungen an erster Stelle der Krankschreibungen. Zum Glück wird die Sensibilität für diese Erkrankungen stärker in unserer Gesellschaft. Denn so kann es nicht weiter gehen.

Was können wir mit mehr Achtsamkeit im Alltag erreichen?

Anke: Wenn man übt und sich täglich damit beschäftigt, kann jeder mehr Gelassenheit und Ruhe in sein Leben hineinbringen. Ich muss dann nicht mehr automatisch auf äußere Reize reagieren, ohne nachzudenken, ohne eine Chance, meine Reaktion zu steuern. So entsteht Stress. (Reiz-Reaktions-Schema). Mit etwas Training kann jeder eine winzige Pause finden und in der Pause die Entscheidung treffen – will ich das so machen oder nicht. Man trifft klare, bewusstere Entscheidungen, weil man das unbewusste Reiz-Reaktions-Schema durchbrechen kann. Man merkt besser, leichter und deutlicher, was einem gut tut und was einem nicht guttut. Sensibilisierung für sich selbst findet statt.

Wie kann Achtsamkeit im Berufsalltag helfen?

Anke: Es kann helfen Aufgaben fokussierter anzugehen und sich nicht so leicht ablenken zu lassen. Auch in der Kommunikation kann es sehr viel ausrichten, es hat Auswirkungen auf das Betriebsklima und natürlich auch im Kontakt mit den Kunden. Und es hilft es mir, insgesamt weniger gestresst zu sein somit steigt die Arbeitszufriedenheit deutlich an.

Kann es auch im privaten Bereich helfen?

Anke: Wenn es mir besser geht, geht es auch meiner Familie besser. Wenn ich nicht ständig gestresst bin, strahlt das auch auf meine Umgebung aus. Zudem kommen gesundheitliche Vorteile hinzu. Egal ob Stresskrankheiten wie Verdauungsprobleme, Bluthochdruck etc. Nachweislich können diese reduziert werden bei einem regelmäßigen Training.

Also trennt man zwischen Beruf und Alltag bei Achtsamkeit gar nicht?

Anke: Nein, da trennt man nicht: Es geht ums Leben!

Anke, was ist für dich das Besondere an deinem Job?

Anke: Mir hat es schon immer Spaß gemacht, im Kontakt mit Menschen zu arbeiten. Ich bekomme stets gute Rückmeldungen, was mich auch immer wieder motiviert weiter zu machen. Die Entwicklung der Teilnehmer im Kurs zu beobachten und sie ein Stück weit begleiten zu dürfen, ist für mich ein Geschenk. Teilweise sind es ganz kleine, mitunter gravierende Veränderungen, die ich mitbekomme. Zum Beispiel wenn ein Teilnehmer nach ein paar Wochen strahlend erzählt: „Ich schlaf jetzt wieder durch.“

Wie entspannst du dich denn von deinem Berufsalltag? Was bringt dich zur Achtsamkeit?

Anke: Für mich geht es jeden Tag für 30 Minuten auf’s Kissen zur Meditation. So bin ich nicht gestresst oder explodiere sofort, wenn mir etwas nahe geht. Das war vor 10 Jahren noch ganz anders. Inzwischen bin ich in der glücklichen Lage, das Thema Achtsamkeit in den Mittelpunkt meines Berufslebens zu stellen. Regelmäßige Fortbildungen, Retreats und natürlich die tägliche Beschäftigung mit dem Thema in Kursen, Vorträgen und Trainings lassen mich in engem Kontakt damit sein.

Was ist deine Zielgruppe für deine Seminare? Sind die Seminare für jeden was?

Anke: Ja, die sind für jeden Erwachsenen gedacht. Für Kinder gibt es so etwas auch, aber Kinder spricht man anders an, insofern sind Kinder-Kurse etwas anders aufgebaut. Ansonsten ist in meinen Kursen jedes Lebensalter und jeder Lebensumstand vertreten. Von Student bis Rentner ist jeder herzlich willkommen. Aus welchen Beweggründen jemand zu mir kommt ist dabei völlig unerheblich und das ist auch nicht Thema im Kurs. Der eine hat Interesse an dem Thema Meditation, der nächste möchte unbedingt etwas für sich und seine Gesundheit tun und der andere hat einen schweren Schicksalsschlag hinter sich. In meinem Kurs geht es nur um das gemeinsame Lernen.

Herzlichen Dank Anke, für das interessante Interview!

Anke Hoffmann, Trainerin für Achtsamkeit, zertifizierte MBSR-Lehrerin

Homepage: www.mbsr-ol.de

Über den Autor
Jörg Högemann ist Gründer und Geschäftsführer der einfach.effizient. Unternehmensberatung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen